Es ist leicht vorstellbar, dass all das Teil eines uralten Rituals ist. Doch ethnografische Quellen zeigen ein komplexeres Bild. Beim Umzug konnte man Feuer aus dem alten Ofen, ein Icon, Brot, Salz sowie Sauergut mit Teig transportieren, den Hausgeist mitnehmen und einen Hahn, Huhn oder Kater vorausschicken. Die Reihe der Handlungen variierte von Region zu Region, weshalb das heutige Sprichwort „Zuerst der Kater, dann Brot und Salz“ eher das Ergebnis ist, wie sich verschiedene Traditionen im Laufe der Zeit in der Familienerinnerung miteinander verbanden.
Brot und Salz stehen tatsächlich im Zusammenhang mit dem Umzug ins neue Zuhause
Von allen heute bekannten Bräuchen ist das Brot und Salz einer der zuverlässigsten ethnografischen Beispiele. In Aufzeichnungen über das russische Alltagsleben wird festgehalten, dass Gäste bei einer Einweihung mit Brot und Salz kamen, und beim Umzug in ein neues Haus konnten Brot und Salz zusammen mit anderen wichtigen Gegenständen gebracht werden. Der Ethnograf Alexander Baiburin zitiert Aufzeichnungen, in denen zunächst Ikonen, Sauergemüse, Brot und Salz in das neue Haus gebracht wurden, wobei das Brot anschließend auf den Tisch gestellt wurde.
Auch die Kombination selbst hatte eine symbolische Bedeutung. In der slawischen Tradition stand das Brot für Reichtum und Wohlstand, während Salz einen schützenden Effekt hatte. Deshalb begleiteten Brot und Salz nicht nur die Einweihung eines Hauses, sondern auch das Empfangen von Gästen, Hochzeiten und andere wichtige Ereignisse.
Auch hier gab es kein einziges Szenario. An manchen Orten brachten die Gäste Brot mit Salz, an anderen trugen es die Gastgeber selbst. Das Museum für Volkskultur in Belgorod führt beispielsweise eine Aufzeichnung an, in der bei der Einzugfeier zunächst eine Ikone sowie Dežu mit Teig hereingebracht wurden. In den Materialien des Russischen Ethnographischen Museums findet sich ein weiterer Ablauf: Brot und Salz wurden im neuen Haus als Gastgeschenk für den Hausgeist hinterlassen.
Daher hat die heutige Regel „Zuerst Brot und Salz bringen“ eine historische Grundlage, doch man sollte sie nicht als verbindliche Vorgehensweise für ganz Russland betrachten.
Warum stand Brot auf dem Tisch
Der Tisch im neuen Haus war ebenfalls wichtig, aber nicht unbedingt als eigenständiges Zeichen im modernen Sinne.
Untersuchungen zum traditionellen Wohnen beschreiben Fälle, in denen nach dem Umzug Brot und Salz gerade auf den Tisch gelegt wurden. Zum eigentlichen Einzug kamen Verwandte und Nachbarn zusammen, woraufhin ein gemeinsames Mahl stattfand. Solche Zusammenkünfte trugen dazu bei, nicht nur das symbolische, sondern auch das soziale Eingewöhnen im Haus zu festigen: Die neue Wohnung wurde zum Ort, an den man erstmals Verwandte einlud.
Von hier kann auch die heute bekannte Geste stammen: Auch unter den Kisten sollte man zuerst einen Teekessel, Tassen, Brot oder etwas für das erste Abendessen finden. Nur muss man dafür heute nicht unbedingt nach einer verborgenen, magischen Bedeutung suchen. Die erste Mahlzeit in der neuen Wohnung markiert von selbst gut den Moment, in dem der Raum als Zuhause wahrgenommen wird.
Und wurde die Katze wirklich zuerst hineingelassen?
Ja, solch einen Brauch dokumentieren Ethnographen. Doch der Satz „In Russland wurde zuerst in ein neues Haus immer eine Katze hineingelassen“ vereinfacht die Tradition zu sehr.
In dem ethnolinguistischen Wörterbuch „Slawische Antiquitäten“ wird angegeben, dass die Ostslawen ursprünglich eine Katze, ein Huhn oder einen Hahn in das neue Wohnhaus lassen konnten. Bei den Südslawen kamen auch Hunde vor. Die Katze war also eines von mehreren Tieren, die an dem Ritual teilnahmen.
Der Grund dafür erscheint keineswegs so angenehm wie die moderne Erklärung mit einem Tier, das angeblich „einen Ort mit guter Energie findet“. Der Umzug in ein neues, noch unbewohntes Haus galt im traditionellen Weltbild als gefährlich. Es gab den Glauben, dass derjenige, der zuerst eintrat, auch als Erster sterben könnte. In diesem Fall diente das Tier als eine Art ritueller Ersatz für den Menschen. Diese Logik wurde bereits in den Jahrhunderten 19–20 von Ethnografen beschrieben.
In einigen Aufzeichnungen wurden gleich mehrere Tiere erwähnt. In belarussischen Quellen des 19. Jahrhunderts wurde sogar ein sequenzieller Ritus beschrieben: Zuerst wurden Hahn und Henne über Nacht zurückgelassen, anschließend Katze und Kätzin, und erst danach zog die Familie in das Haus ein.
Die uns bekannte Katze ist also nur ein erhaltener Teil eines weitaus komplexeren Rituals.
Und was hat das mit dem Hausgeist zu tun?
Eine weitere Linie der Einzugsrituale hängt mit der Vorstellung zusammen, dass man in ein neues Haus nicht nur Menschen und Gegenstände, sondern auch den Hausgeist übertragen muss.
In der ostslawischen Tradition konnte man den Hausgeist speziell einladen, der Familie zu folgen. In verschiedenen Regionen wurde er symbolisch in einem Sack oder einer Schale transportiert, mit Worten eingeladen, und im neuen Haus wurden Brot, Salz sowie andere Leckereien hinterlassen. Zusammen damit wurden auch Teile der alten Haushaltswelt übertragen – beispielsweise das Feuer aus dem alten Herd.
In Beschreibungen aus dem frühen 20. Jahrhundert gibt es eine detaillierte Variante dieses Umzugs: Die Asche aus dem alten Ofen wurde in einen Topf gelegt, ins neue Wohnhaus gebracht und dort neu entzündet. Dabei empfingen die Hausbesitzer die Prozession mit Brot und Salz.
Damit konnten Brot, Salz, Haustiere und der Eingang tatsächlich in einem Ritual vorkommen. Doch ihre Bedeutung war unterschiedlich: Das eine wurde mit Fülle und Nahrung in Verbindung gebracht, das andere mit einem sicheren Übergang, wieder ein anderes mit der Übernahme der gewohnten Haushaltsordnung.
Warum man alles nicht auf eine einzige „alte slawische Tradition“ reduzieren kann
Die größte Schwierigkeit bei solchen alltäglichen Bräuchen besteht darin, dass sie selten in derselben unveränderten Form existierten.
Sogar innerhalb der ostslawischen Tradition unterschieden sich die Methoden des Umzugs. Manchmal wurde zuerst ein Icon transportiert, manchmal Feuer, Brot oder Teig, manchmal wurde ein Hahn oder eine Katze freigelassen. In einigen Regionen galt die Zeit des Umzugs, die Reihenfolge des Eintretens der Familienmitglieder oder die Einladung des Hausgeistes als wichtig.
Im Laufe der Zeit sind einige Rituale vollständig verschwunden. Heutzutage überträgt nur noch wenige Menschen Kohle aus der alten Wohnung oder Sauerteig, doch Brot und Salz sowie die Katze sind verständliche Symbole geblieben und haben sich erhalten.
Deshalb ist es korrekter, nicht von einem einzigen Ritual zu sprechen, das unverändert zu uns gelangt ist, sondern von mehreren Einzugstraditionen, deren einzelne Elemente auch heute noch Bestand haben.
Sollte man heute zuerst die Katze hineinlassen?
Falls es in der Familie eine Katze gibt, muss der Umzug nicht zu einem obligatorischen Ritual für sie werden.
Für das Tier ist die neue Unterkunft ein unbekanntes Gebiet, und der Umzug selbst wird oft zur Quelle von Stress. Cats Protection empfiehlt, während des Umzugs dem Kater ein separates, ruhiges Zimmer, eine vertraute Schlafstätte, Wasser, Futter, eine Toilette sowie einen Ort zum Verstecken zur Verfügung zu stellen. Schon in der neuen Wohnung sollte das Tier zunächst in einem solchen sicheren Raum untergebracht werden, damit es in seinem eigenen Tempo zurechtkommt, anstatt es sofort freizulassen, damit es alle Räume erkundet.
Deshalb ist es aufgrund eines Brauchs nicht die beste Art, die Tradition zu bewahren, den Kater extra aus dem Transportkorb an der Eingangstür zu holen und ihn allein in die leere Wohnung zu schicken. Der Kater kann durchaus zusammen mit den Besitzern im Transportkorb „zuerst eintreten“ und anschließend ruhig in den im Voraus vorbereiteten Raum gehen.
Wie man die Tradition bewahrt, ohne abergläubische Versprechen zu machen
Die Einzugstraditionen können leicht zu einem familiären Ritual werden, ohne dass man von ihnen Reichtum oder Glück erwartet.
Man kann Brot und Salz als Wunsch nach Fülle und Gastfreundschaft im Haus bringen. Sie auf den ersten gedeckten Tisch stellen, ein einfaches Abendessen zubereiten oder Verwandte einladen, nachdem die Hauptarbeiten beim Umzug erledigt sind. Wenn in einer Familie von Generation zu Generation eine bestimmte Regel befolgt wird – zum Beispiel, als Erstes ein Familienstück, ein Foto oder eine Lieblingstasse hineinzubringen – kann auch diese zu einem Bestandteil des Einzugs werden.
Der Katze sollte man lieber das Recht geben, überhaupt nicht an der Zeremonie teilzunehmen.
So bewahren alte Symbole das, wofür man sie heute normalerweise in Erinnerung ruft: Sie helfen dabei, den Übergang von einer leeren Wohnung zu einem eigenen Zuhause zu markieren. Dafür ist es keineswegs notwendig, alle Handlungen genauso auszuführen wie vor hundert oder zweihundert Jahren.